Hommage an Pater Kafka "Wanderprediger"

 Dieser ungekürzte Ausschnitt aus einem Text von Peter Kafka aus dem Jahre 1978, versteht sich als Hommage an den zu früh verstorbenen, großen Denker.(1)1

 

 

Peter Kafka

 Kernfragen“

 

 

Wir wissen ja heute, dass unsere Welt – das heißt alles, was wir sehen oder erfahren – nicht im Gleichgewicht ist, sondern sich aus einem extrem einfachen Anfangszustand zu immer höherer Komplexität entwickelt hat. Und der Schöpferdrang, der diese Entwicklung vorantreibt, lässt sich vielleicht als Folge der Anfangsbedingungen sowie der Gesetze der Physik und Wahrscheinlichkeitstheorie begreifen.(2)1

 

Drängen wir die Geschichte des Universums auf ein Jahr zusammen:

 

 Stellen Sie sich vor: Es ist Silvesternacht und wir erwarten den Gong, der das neue Jahr ankündigt. Genau vor einem Jahr möge unsere Welt im sogenannten Urknall entstanden sein. Dann steht jeder Monat in unserem Bild für etwa eine Milliarde Jahre. Und nun erinnern Sie sich:

 

Vor genau einem Jahr war alles, was wir jetzt vom Universum sehen, ganz dicht bei uns, vielleicht in einem einzigen Punkt mit uns. Der Urstoffeine Strahlung, die den ganzen Raum gleichmäßig und mit ungeheuerer Dichte und Temperatur erfüllte – besaß noch keinerlei Struktur. Aber durch den Schwung der geheimnisvollen Urexplosion dehnt er sich seither überall gegen seine Schwerkraft aus und kühlt sich dabei ab. Nun erzwingen die Naturgesetze – was immer das ist – und die Regeln der Statistik die Entstehung und Entwicklung von Strukturen.

 

Schon in einem winzigen Bruchteil der ersten Sekunde des 1. Januar entsteht die Materie, die Elementarteilchen, und gleich darauf die einfachsten AtomkerneWasserstoff und Helium. Bei der weiteren Ausdehnung und Abkühlung nimmt die Dichte dieser Materie langsamer ab als die der Strahlung, und so gewinnt irgendwann am 1. oder 2. Januar die Materie die Oberhand. Erst als die Temperatur unter einige Tausend Grad gesunken ist beginnt die Materie unter ihrer eigenen Schwerkraft Klumpen zu bilden. So entstehen noch vor Ende Januar die Galaxien, und in diesen die ersten Sterngenerationen. Nun brauen die Sterne in ihren zentralen Atomreaktoren die höheren chemischen Elemente. Sterbende Sterne reichern das sie umgebende Gas damit an, zum Teil auch in Staubform. Die Gesetze der Kernphysik sorgen dafür, dass Kohlenstoff besonders häufig wird. Atom- und Molekülphysik bewirken, dass auf Staubkörnern in der Nähe von Sternen mittels derer ultravioletter Strahlung bereits komplizierte organische Moleküle gebildet werden. Radioastronomen haben in den letzten Jahren mehr und mehr davon entdeckt.

 

Nun ist also schon mehr als das halbe Jahr vergangen, da entsteht Mitte August aus einer zusammenstürzenden Wolke von Gas und Staub unser Sonnensystem. Schon am ersten Tag ist die Sonne etwa in ihrem heutigen Zustand und versorgt ihre Planeten mit einem ziemlich konstanten Strahlungsstrom von etwa 6000 Grad Temperatur. Im Erdabstand bedeutet das eine Leistung von etwa 1,3 Kilowatt pro Quadratmeter. Da der übrige Himmel dunkel und kalt ist kann die Erde die so empfangene Energie bei viel tieferer Temperatur wieder abstrahlen. Nach statistischen Gesetzen, für deren teilweise Erforschung Ilya Prigogine letztes Jahr den Nobelpreis erhielt, möchten sich dabei auf der Erde Zustände einstellen, in denen möglichst kompliziert geordnete Strukturen entstehen, oder – mit einem Fachausdruck – in denen die Entropie-Erzeugung möglichst klein ist. Unter den gegebenen physikalischen Gesetzen erzwingt dies nun erst chemische, dann biologische, schließlich kulturelle Evolution – immer nach Darwins Regeln durch Konkurrenz in der Vielfalt.

 

Von Mitte September stammen die ältesten Gesteine der Erdoberfläche, von Anfang Oktober stammen die ersten erhaltenen Lebensbeweise: Fossilien von Algen. Mehr als zwei Monate lang entwickeln sich nun Pflanzen und Tiere in den Gewässern. Die ersten Wirbeltier-Fossilien stammen vom 16. Dezember. Am 19. Dezember erobern die Pflanzen die Kontinente, und Fische bilden Kieferknochen. Am 20. Dezember sind die Landmassen mit Wald bedeckt und das Leben schafft sich selbst eine sauerstoffreiche Atmosphäre. Nun wird das ultraviolette Licht zurückgehalten, sodass noch komplexere und empfindlichere Formen des Lebens möglich werden. Am 22. und 23. Dezember, während sich unsere Steinkohlelager bilden, entstehen aus Lungenfischen amphibische Vierfüßler und erobern feuchtes Land. Aus ihnen entwickeln sich am 24. Dezember die Reptilien, die auch das trockene Land besiedeln. Am 25. Dezember wird das warme Blut erfunden. Spät abends erscheinen die ersten Säugetiere, aber für die nächsten zwei Tage führen sie noch ein Kümmerdasein neben den Sauriern: In Nischen, verborgen vor den Mächtigen, wird die Intelligenz vorbereitet.

 

Am 27. Dezember entwickeln sich aus den Reptilien auch die Vögel, am 28. und 29. übernehmen sie gemeinsam mit den Säugetieren die Macht von den aussterbenden Drachen. In der Nacht zum 30. beginnt die noch andauernde Auffaltung des Gebirges Ihrer Heimat, die seitdem im Erdbebengürtel liegt.

 

Bis jetzt ist die biologische Information stets im Wesentlichen in den sogenannten Genen, das heißt in Nukleinsäuremolekülen gespeichert. Erst ab 30. Dezember wird die Speicherung in größeren Eiweißstrukturen wie Gehirne benutzt, um diese genetische Fixierung zu ergänzen: Das Lernen wird wichtig, Seele und Geist können sich entwickeln.

 

In der Nacht zum 31. Dezember – vergangene Nacht! – entspringt der Menschenzweig dem Ast, der zu den heutigen Menschenaffen führt. Nun bleibt uns ein Tag, um uns selbst zu entwickeln.

 

Mit etwa 20 Generationen pro Sekunde scheint dies nicht schwierig, aber unser Werdegang ist dürftig dokumentiert. Erst von etwa 10 Uhr am Silvesterabend stammen die Skelettreste der Oldoway-Schlucht in Ostafrika. Fünf Minuten vor Zwölf leben die Neandertaler. Ihre Gehirne sind schon vergleichbar den unseren. Zwei Minuten vor Zwölf sitzen wir ums Feuer, stammeln und winseln und klatschen rhythmisch in die Hände, bemalen die Wände unserer Höhlen mit Bildern unserer Beutetiere und tun Waffen oder Honig und Körner in die Gräber unserer Väter. Die Blütezeit der Sprachen und damit der Kulturen bricht an.

 

Seit 15 Sekunden wird die Geschichte Chinas und Ägyptens überliefert. Fünf Sekunden vor Zwölf wird Jesus Christus geboren. Eine Sekunde vor Zwölf beginnen die Christen gerade mit der Ausrottung der amerikanischen Kulturen. Was glauben Sie, wie viele Tier- und Pflanzenarten wir heute jeden Tag ausrotten? (3)

 

Oh – da ist schon der Gong!

 

 In diesem Bild wurde besonders deutlich, wie zum Schluss alles immer schneller geht. Die Geschwindigkeit hat schon etwas komisches – als liefe der Film schneller und schneller. Also liegt es nicht am Zeitraffer. Noch bevor in der Glocke, die das neue Jahr einläuten soll, der Klöppel die Wand trifft und den ersten Ton erzeugt, werden wir alles Öl verpufft haben, das uns die Sonne während der letzten Wochen speichern half. Noch immer wächst die Erdbevölkerung nach einer mathematischen Formel, die in etwa 50 Jahren – das heißt in wenig über einer Zehntelsekunde unseres Zeitrafferfilms – einen unendlichen Wert liefert! Aber wir erlauben unseren Politikern, nur eine Hundertstelsekunde vorauszudenken – so lang ist eine Wahlperiode.

 

Milliarden von Jahren brauchte die physikalische, chemische und biologische Evolution, bevor das System des Lebens – dieser wunderbare Organismus! – unseren Planeten einhüllte. Aber nur wenige Millionen Jahre reichten aus zur Erschaffung des Menschen, der jüngsten Blüte dieses Organismus.

 

Und bald merkte der Mensch, dass er nicht einfach ein weiteres Tier darstellt. Mit ihm hat die nach-biologische Entwicklung begonnen. Zusätzlich zum genetisch fixierten Verhalten werden Traditionen entwickelt und durch Erziehung vererbt. Biochemische Mutation und Selektion verlieren die Vorherrschaft; revolutionäres Denken und erfinderisches Planen führen zu den neuartigen Mutationen, mit denen Traditionen immer schneller geändert werden. Immer komplexere Strukturen entwickeln sich, wie Bibliotheken oder die Kunst der Fuge. Durch die Technik wird immer mehr Materie in den Lebensprozess miteinbezogen. Der Kampf an der Front der Evolution wird nicht mehr so sehr von den Gesetzen der Physik, Chemie und Biologie bestimmt, sondern von seelisch-geistigen und technisch-wirtschaftlichen Kräften. Die neuen Kräfte und die größere Populationsdichte beschleunigen den Evolutionsprozess mehr und mehr.

 

Und da geschieht das unvermeidliche Unglück: Technik und Wirtschaft entdecken die fossilen Energiequellen. Die Menschheit beginnt zu wuchern wie die Seerose auf einem gezielt überdüngten Teich. Sie wissen, wie die Sache ausgeht, wenn der Teich bedeckt ist: Alles Lebendige stirbt ab, und schließlich auch die Seerose. Der raffinierte Kampf des Lebens gegen die Entropie-Vermehrung ist verloren und der Tod, die wahrscheinliche Unordnung, triumphiert.

 

Natürlich sind solche Instabilitäten im Laufe der Evolution immer wieder lokal vorgekommen. Nun aber ist die Katastrophe global.. Der Teich ist unser ganzer Planet.

 

Sehen Sie um sich! Wenn wir die jetzigen Aktivitäten der Menschheit betrachten, finden wir fast nur Zerstörung, selbst wenn wir von den Kriegen absehen. Alle langsam gewachsenen Strukturen verschwinden und werden durch schnell und massenhaft produzierten Schund ersetzt, der, bald als Schund erkannt, zu Müllhalden aufgetürmt und immer schneller durch neuen Schund ersetzt wird.

 

Aber selbst wenn sie mit einigen Konzessionen wie den modernen öden Fensterhöhlen als Denkmal überdauern sollte – eine organische Struktur wird sie nicht bleiben, wenn Sie so weiter wirtschaften. Und Ihre Dörfer und Gehöfte haben Sie schon fast völlig vernichtet. Bald mag ich nicht einmal mehr in Ihren Gebirgen wandern gehen! Fast alle Pfade sind ersetzt oder brutal unterbrochen durch fünf Meter breite Forststraßen, die bald auch noch durch Betonmauern eingefasst werden müssen, weil anders die von ihnen ausgehende verwüstende Erosion nicht mehr zu stoppen sein wird.

 

Die jahrhundertelange innige Wechselwirkung von Mensch und vormenschlicher Natur, die all die Schönheit der Kulturlandschaften allmählich wachsen ließ, ist ersetzt durch totale Herrschaft des Menschen und folglich – Zerstörung. Von den Autos und Flugzeugen und all dem anderen Zivilisationsplunder wie zum Beispiel den Kameras, die bei einem großen Hersteller intern „Filmverbrennungsmaschinen“ heißen, will ich hier gar nicht erst reden.

 

Aber nicht nur die Dinge, sogar die Menschen selbst werden zur Massenware. Die kulturelle Vielfalt wird ausgerottet. Wenn Millionen viele Stunden täglich das gleiche Fernsehprogramm anstarren, ja, wozu gibt es denn dann so viele Menschen? Reicht dann nicht auch einer?

 

Wer aber nicht bei der zerstörerischen Produktion mithilft oder sie wenigstens beim Totschlagen der Freizeit anheizt, der gilt als überflüssig. Arbeitsplätze werden am höchsten bewertet, wenn sie dazu dienen, besonders viele Rohstoffe möglichst schnell und unter Einsatz von möglichst viel Energie in Müll zu verwandeln. Dann ist der Beitrag zum Bruttosozialprodukt am höchsten.

Sie (die ökonomische Herrschaft, Anm.) wollen doch immer alles nach den sogenannten wirtschaftlichen Gesichtspunkten produzieren, das heißt: so billig wie möglich. Wie kann es dann mehr wert sein? Offenbar eben nur dadurch, dass Sie mehr und mehr davon produzieren. Das ist wie bei einem bösartigen Tumor: Das Mengenwachstum ist sein einziger Wert. Der hochdifferenzierte Organismus wird überwuchert und zerstört. Das Bruttosozialprodukt ist ein recht gutes Maß für dieses Krebswachstum, denn es zählt die Produktion von Schund, Abfall, Gift und Stress als positiv. Es misst gewissermaßen das Gewicht der Geschwulst. Aber welcher Krebskranke wäre wohl stolz auf die Gewichtszunahme seines Tumors?(4)

 

1) Original: http://gegen-den-untergang.de/kernfragen.html

2) Althusser: „Der unterirdische Strom des Materialismus der Begegnung“, S 1 – 5; In http://www.episteme.de/download/Althusser-Materialismus-Begegnung.pdf

3) https://de.wikipedia.org/wiki/Geologische_Zeitskala#Vergleich_Erdzeitalter_%E2%80%93_Ein_Tag

 4) Hervorhebungen von M.B.

 

 

Who We Are / Wer sind wir ?

 Das ist wohl eine der spannensten Fragen - ohne groß eine Antwort darauf geben zu können !?

Vielleicht "eine Spezies, die es zuwege brachte alle Ressourcen aus Jahrmilliarden der geobiologischen Evolution innerhalb eines kosmischen Augenblicks zu verprassen."

Es gibt im Tierreich kein Äquivalent - diese sind vernünftiger !

Our History / unsere geschichte ?

 .... sollte man/frau nicht vergessen:

 

 

Durch Zufall in diese eine, millionenfach anmutende Welt, geworfen. Auf einen Planeten, der, beschützt von der Sonne und ihrem Magnetfeld, nicht der unsere ist. Abhängig von all zu vielen äußeren Faktoren, wobei die Gravitation wie die restlichen Naturgesetze noch die geringsten Teilursachen unserer Geschichte bedeuteten.      

Oder doch?